Steinlah - Andacht

Steinlah

Andacht

Eine Andacht zur Einweihung des Dorfgemeinschaftshauses

Eine Andacht zur Einweihung des Dorfgemeinschaftshauses soll ich heute morgen hier halten. Ich tue es gerne. Und ich möchte es tun, indem ich das Wort
Dorfgemeinschaftshaus in seinen einzelnen Bestandteilen betrachten möchte.
Es geht bei einem Dorfgemeinschaftshaus um das Dorf, um Gemeinschaft und um einen Ort an dem Menschen geschützt zusammenkommen können.

Das Dorf - früher geprägt durch die Menschen, die sich niederließen, um das um die Niederlassung herum liegende Land zu bewirtschaften. Es waren Zeiten, als man noch viele Stunden des Tages damit zubrachte, die Nahrung und Dinge fürs tägliche Überleben herzustellen. Die Arbeitsteilung, die Industrialisierung, die Motorisierung hat in den Jahrhunderten, vor allem im letzten, dazu geführt, dass diese landwirtschaftliche Prägung des Dorfes weitgehend an den Rand gedrängt wurde.
Dorf hieß in früheren Zeiten: wir leben und arbeiten an diesem Ort, um unser Überleben zu sichern. Man hatte seinen Arbeitsplatz gemeinsam am Lebensort. Man war eine Gemeinschaft, die aufeinander angewiesen war, die füreinander eingestanden ist. Das war keine Idylle, denn das brauchte auch Hierarchien, das bedeutete Unterordnung, Anpassung und in der Regel wenig freiheitliches Leben, wie wir es heute als selbstverständlich ansehen.

Als Ideal steckt das noch in vielen Köpfen, dass Dorfleben immer auch gleichzeitig ein Sich-Einbringen in die Gemeinschaft bedeutet. Doch erleben wir es ja an vielen Stellen: Dörfer sind für viele Menschen ruhige Lebensorte, wo man das eigene Leben verwirklichen kann. Und das geschieht vielfach auch ohne Beziehung zu den sonstigen dort lebenden Menschen. Es gibt natürlich auch die anderen, die sage: ich will in einer Dorfgemeinschaft leben, ich will Kontakt, ich will mitmachen.
Beides erleben wir und dann natürlich die jeweiligen Nuancen dazwischen.

Damit sind wir beim zweiten Wort: Gemeinschaft. Gemeinschaft ist ein grundlegendes Element menschlichen Lebens. Biblisch gesehen wird das deutlich in einem Satz, den wir oft bei einer Eheschließung hören: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. So heißt es im zweiten Schöpfungsbericht. Im ersten heißt es: Und Gott schuf den Menschen weiblich und männlich.
Was wird damit gesagt: Erstens, der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist angewiesen auf andere. Menschen, denen keine Zuwendung, keine Gemeinschaft gegeben wird, verkümmern, können sich nicht entwickeln, ja sterben daran. Wir brauchen die Zuwendung von außen, die Liebe, die Ansprache die Nähe, die Auseinandersetzung. Ohne dies können wir uns nicht entwickeln, ohne dies können wir uns selber nicht richtig erkennen. Ermutigung macht uns stark, sie kommt von außen, von anderen. Das Gespräch öffnet neue Gedanken, entfacht Ideen, ermöglicht Veränderung. Ohne die Gemeinschaft mit anderen, verbleiben wir nur bei uns selber und schmoren letztlich nur im eigenen Saft.

Und wenn die Bibel sagt, der Mensch ist weiblich und männlich geschaffen, so ist dies auf der einen Seite eine Geschlechteraussage, aber für mich im Horizont der heutigen Überlegungen vor allem eine Aussage über die Unterschiedlichkeit von Menschen. Äußere und Innere Verschiedenheit ist gewollte Grundlage des gemeinschaftlichen menschlichen Lebens. Gerade in der Verschiedenheit entwickelt sich so vieles. In einer Liebesbeziehung erleben wir es - vor allem natürlich am Anfang - als bereichernd, wenn die geliebte Person anders ist, das Leben bereichert, neue Horizonte eröffnet. Man wird aus der eigenen Welt herausgeholt, sieht das eigene Leben anders, entdeckt neue Möglichkeiten. Und wir entdecken darin auch, dass dieser so ganz andere Mensch mich hält, mich trägt, mir Geborgenheit in dieser Welt schenkt.
Natürlich gehört auch das andere dazu. Nämlich, Dass der andere mich kritisiert, mich bremst, es Auseinandersetzungen gibt. Gemeinschaft ist nicht nur Idylle, es ist auch Arbeit, sie ist manchmal schmerzhaft, das darf nicht unterschlagen werden. Und dennoch ist es gut, dass der Mensch nicht allein ist, dass wir in aller Verschiedenheit miteinander leben, darin einander achten und in der Vielheit von Gedanken und Vorstellungen Leben gestalten.

Darum sagt Jesus auch: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Versteht man Jesus in diesem Falle mal als Symbol für gelingendes Menschsein, das heißt das eben, Mensch sind wir nicht für uns allein, so sehr wir auch unsere Persönlichkeit als einzigartig ansehen dürfen. Erst im Gegenüber zu anderen Menschen entfaltet sich diese als wirklich menschlichen Persönlichkeit. Nämlich in der Gegenseitigen Würdigung und Achtung des anderen als Mensch und Gegenüber, das bedeutsam ist.

Das dritte Stichwort: Haus. Häuser wurden gebaut, um an einem bestimmten Ort, geschützt vor dem, was von außen auf einen zukommen kann, in Ruhe leben oder zusammen kommen kann. Unsere Lebensregion braucht Häuser, um bewahrt vor den Witterungseinflüssen leben und wirken zu können. Um Gemeinschaft zu leben, um Gemeinschaft lebendig zu praktizieren, bedarf es auch geschützter Treffpunkte. Die christlichen Glaubensgemeinschaften bauen Kirchen und haben Gemeindehäuser um ihre Gemeinschaft zu leben.

Dörfer, vor allem solche die keine Treffpunkte, wie z.B. Gaststätten mit Sälen haben, schaffen Dorfgemeinschafshäuser, um einen Ort zu bieten, an dem die Menschen des Dorfes die Möglichkeit haben, Gemeinschaft zu leben. Es sind Orte, die unabhängig sind von religiöser oder ethischer Weltanschauung - auch wenn ich hier heute morgen als Geistlicher stehe. Im DGH soll das genannte Grundanliegen gelebt werden: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, allein lebt, allein Entscheidungen getroffen werden. Die Unterschiedlichkeit aller soll einen Raum haben, zueinander zu finden, soll einen Ort haben, wo Gemeinschaft in der Vielfalt gelebt wird.

Dieses Dorfgemeinschaftshaus war früher eine Schule. Es war ein Ort der Bildung und der Erziehung, das heißt für mich, ein Ort an dem Menschen in der Freiheit ihres Lebens unterstützt wurden, so sie die Kultur ihres Lebensraumes gelehrt bekommen haben, wo sie die Verantwortung füreinander gelernt haben, und wo der Blick hinaus über den Rand des eigenen Lebens gerichtet wurde.
Im Rahmen der Dorferneuerung wurde beschlossen, dieses Haus zu zu beleben. Es wurde ein großer Raum geschaffen, ein neuer Zugang geschaffen, damit auch diejenigen hier Eingang finden, die weniger gut zu Fuß sind. Es sind viele Möglichkeiten, die dieses neue Haus für das Dorf Steinlah und auch Menschen drumherum bietet. Hier werden die älteren Mitbürger einen Ort finden, um zusammenzukommen, um miteinander zu reden, Kontakt zu haben, um auch aus der Einsamkeit des Lebens ein wenig herauszukommen. In diesem Haus haben Jugendliche ein Möglichkeit für sich zu sein, außerhalb der elterlichen Wohnung sich selber auszuprobieren. Hier werden politische Gremien beraten, um - dank der Verschiedenheit - unterschiedliche Vorstellung zu diskutieren, wie das gemeinschaftliche Leben unter möglichst guten Bedingungen gelingen kann. Die Vereine werden hier immer wieder mal zusammen kommen, um ihre Belange zu besprechen. Und es werden private Feiern hier stattfinden: Taufen, Geburtstage, vielleicht auch Konfirmationen, Hochzeiten,  Trauercafes.
In diesen Räumen wird sich das Leben mit all seinen Facetten abbilden, hier bildet sich auch die lebendige Gemeinschaft des Dorfes ab.

All das soll hier möglich sein, damit das Dorf als guter Lebensort für viele lebendig bleibt, damit Menschen in der Gemeinschaft aufgehoben und getragen sind. Dafür hat der Staat und die Kommune viel Geld aufgewandt, dafür haben sich Menschen eingesetzt durch ehrenamtliche Hilfe, um das möglich zu machen.

Gemeinschaft braucht Orte, wo sie gelebt werden kann. Gemeinschaft stärkt das Gefühl zu Hause zu sein,  Und: Gemeinschaft ruft auch in die Verantwortung. So möchte ich auch das noch sagen: Wir alle hier, die in Steinlah das dörfliche Leben begleiten, tragen auch Verantwortung für dieses Haus und was darin geschieht. Die äußere Unversehrtheit sollte uns am Herzen liegen, damit es ein guter Ort dörflichen Gemeinschaftsleben bleibt. Und auch die innere Unversehrtheit sollte uns am Herzen liegen. Nämlich dass hier ein Ort ist, an dem wir in aller Verschiedenheit von Meinungen und Anschauungen immer das im Auge haben, was am wichtigsten ist, wenn Menschen zusammen kommen: nämlich die Achtung der Würde des Menschen, die Achtung der Verschiedenheit und Andersartigkeit, die Achtung des Menschlichen.  
Wo das geschieht, da kann Dorfgemeinschaft als Gemeinschaft von individuellen Persönlichkeiten gelingen. Da wird auch dieses Haus zu einem Ort werden, wo die Menschen in Steinlah erkennen, ich habe nicht nur mein Wohnhaus in diesem Dorf, sondern es ist meine Heimat.

Das geschieht nicht voll allein. Ich sagte es schon, es bedarf unser aller Mitwirkung dabei. Jeder Einzelne ist gefordert, dieses Haus mit gemeinschaftsfördernden Gedanken und Taten lebendig zu erhalten. Und es gehört für mich auch dazu, dass auf allem auch Segen liegt. Um den können wir nur bitten. Das wollen wir tun im anschließenden Gebet, aber auch mit dem kommenden Lied: Komm, Herr, segne uns.

Amen

Stand September 2018                                                         Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Jürgen Grote

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